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Veröffentlicht von Prof. Dr Dorothee Gänshirt am 28. October 2026

Das Geheimnis der Hundertjährigen (Teil 2)

Wer heute wissen will, wie man sich gesund ernährt, verliert sich schnell in einem Dschungel aus Trends. Avocado-Toast mit Lachs, am besten ohne Toast. Matcha statt Kaffee, Chiasamen, Goji-Beeren, Superfoods aus allen Ecken der Welt. Man könnte meinen, ein langes Leben sei eine Frage der richtigen Einkaufsliste und eines gut gefüllten Portemonnaies.

Ein Blick auf die Teller der Hundertjährigen in den Blue Zones erzählt eine ganz andere Geschichte. Was dort auf den Tisch kam, war vor allem eines: einfach.

In den Bergdörfern Sardiniens gab es Bohnen und Gemüse aus dem eigenen Garten, oft als kräftige Minestrone, die auf dem Herd vor sich hin köchelte. Dazu Sauerteigbrot oder das hauchdünne Hirtenbrot, das wochenlang haltbar war, und Käse von den eigenen Schafen und Ziegen. Fleisch gab es selten, am Sonntag oder an Festtagen.

Auf Okinawa war die Süsskartoffel über Generationen das wichtigste Nahrungsmittel. Dazu kamen Tofu, Algen, bittere Gurken, Gemüse und ab und zu ein Stück Fisch. Die Alten dort kannten einen Grundsatz, den sie vor dem Essen leise sprachen: «Hara hachi bu». Das heisst etwa: Iss, bis du zu acht Zehnteln satt bist.

Auf Ikaria sammelten die Menschen wilde Kräuter und Blattgemüse an den Hängen und kochten sie mit reichlich Olivenöl. Dazu Hülsenfrüchte, etwas Ziegenmilch, Honig und Kräutertees aus Salbei oder Thymian, die sie selbst in den Bergen pflückten.

Und auf Nicoya in Costa Rica bestand die tägliche Mahlzeit seit Jahrhunderten aus Mais, Bohnen und Kürbis, zubereitet nach überlieferten Rezepten, dazu Früchte, die vor der Haustür wuchsen.

Nichts davon war exotisch, nichts war teuer, und nichts davon kam aus einem Ernährungsratgeber. Es war das, was die Gegend hergab und was die Grossmütter schon gekocht hatten. Viel Pflanzliches, viele Bohnen und Linsen, wenig Fleisch, kaum Zucker und so gut wie nichts aus der Fabrik. Gegessen wurde meist gemeinsam, am Tisch mit Familie oder Nachbarn, und nicht nebenbei vor dem Bildschirm.

Und der Alkohol? Wer glaubt, die Hundertjährigen hätten asketisch gelebt, irrt. In Sardinien gehörte zum Essen ein Glas des dunklen Cannonau-Weins, auf Ikaria ebenso der Wein aus eigenen Trauben, und auf Okinawa wurde zu besonderen Anlässen mit Reisschnaps angestossen. Getrunken wurde allerdings massvoll, meist zum Essen und fast immer in Gesellschaft. Der Wein war Teil des Zusammenseins, nicht Mittel zum Zweck.

Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Geheimnis: nicht in einem einzelnen Wundernahrungsmittel, sondern im Mass der Dinge. Diese Menschen haben nicht verzichtet und nicht übertrieben. Sie haben gegessen, was einfach und gut war, in Ruhe und in Gesellschaft. Ein langes Leben, so scheint es, braucht keine Superfoods. Es braucht vielleicht nur etwas mehr Gelassenheit am Tisch.

Autor:

Prof. Dr Dorothee Gänshirt