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Veröffentlicht von Dorothee Gaenshirt am 23. October 2026

Das Geheimnis der Hundertjährigen (Teil 1)

Dass Bewegung gesund ist, wissen wir alle. Kaum eine Erkenntnis der Medizin ist so gut belegt. Und doch verbinden viele Menschen mit dem Wort «Bewegung» vor allem eines: ein schlechtes Gewissen. Sie denken an Fitnessstudios, an Joggen bei Wind und Wetter, an Trainingspläne und Pulsuhren und daran, dass sie das alles eigentlich tun müssten und es doch nicht tun, weil sie Sport schlicht nicht mögen. Aber für die Sportmuffel gibt es eine sehr beruhigende Nachricht.

Ein Blick in die sogenannten Blue Zones erzählt nämlich eine ganz andere Geschichte von der Bewegung als viele Fitnessgurus. Blue Zones sind die Regionen der Welt, in denen auffallend viele Menschen sehr alt werden, oft hundert Jahre und mehr, und dabei erstaunlich gesund bleiben: die Bergdörfer im Inneren Sardiniens, die Insel Okinawa in Japan, die griechische Insel Ikaria, die Halbinsel Nicoya in Costa Rica.

Was diese Menschen gemeinsam haben? Ein Fitnessstudio hat dort kaum einer je von innen gesehen. Sport im heutigen Sinne haben sie nie getrieben. Aber sie waren ihr Leben lang zu Fuss unterwegs, ganz selbstverständlich, im Rhythmus ihres Alltags. Sie gingen zum Markt, zu den Nachbarn, auf das Feld, in den Garten und wieder zurück. Und oft lebten sie in Gegenden, in denen es ständig bergauf und bergab geht. In Sardinien fanden Forscher sogar einen bemerkenswerten Zusammenhang: Je steiler und hügeliger das Gelände eines Dorfes, desto mehr sehr alte Männer lebten dort. Die Hirten, die Tag für Tag mit ihren Herden die Hänge hinauf- und hinabstiegen, gehörten zu den ältesten Menschen Europas.

Das war alles. Mehr haben sie an Bewegung nicht gemacht.

Natürlich spielten auch andere Dinge eine Rolle, Ernährung, soziales Umfeld, ein Aufgabe auch im Ater usw.  Aber was die Bewegung betrifft, ist die Botschaft dieser Regionen von wohltuender Schlichtheit. Es braucht keine Höchstleistung und keinen Ehrgeiz. Es braucht nur das, was der Mensch seit jeher getan hat: gehen. Jeden Tag, ohne Ziel auf der Uhr, aber regelmässig.

Ich finde diesen Gedanken befreiend. Er nimmt der Bewegung den Leistungsdruck und gibt ihr etwas zurück, das wir fast vergessen haben: ihre Selbstverständlichkeit. Vielleicht ist das langsame, alltägliche Gehen gar nicht die bescheidene Variante des Sports. Vielleicht ist es das Original.

Autor:

Dorothee Gaenshirt